Meine Meinung
Verfasst: Fr 05 Okt, 2012 21:00
von sualk
Ich werde ich Kürze zum dritten Mal nach Ägypten reisen.
Vor einem Jahr habe ich eine Nilkreuzfahrt gemacht, Anfang des Jahres war ich in Kairo und demnächst werde ich eine Nasserseekreuzfahrt machen.
Es wird wahrscheinlich erst einmal der letzte Ägyptenurlaub sein.
Obwohl ich noch nicht in Armana war und obwohl ich immer noch ein paar Tage im Old Cataract verbringen möchte.
(Nein, die SS Sudan tue ich mir nicht an. Ein Dieselmotor hört sich in einem Schaufelraddampfer extrem schrecklich an.)
Und ja, Alexandria würde ich mir auch gerne ansehen.
Es gäbe da also noch einiges zu sehen.
Ägypten geht durch ein schwere Zeit. Sicherlich.
Aber ich sehe keinen Fortschritt.
Mursi kann noch darauf bauen, daß er sein erst vor kurzer Zeit das Präsidentenamt übernommen hat.
Das beruhigt auch die Gemüter innerhalb Ägyptens.
Aber wie lange noch?
Soweit ich das von außen sehe, hat er abgesehen von dem Coup mit den alten Generälen innenpolitisch noch nicht allzuviel auf die Reihe gebracht.
Ihr könnt mich Kassandra nennen, aber ich sehe daher einfach schwarz, angesichts der Meldungen über angebliche Blasphemie und deren Folgen, angesichts des Umgangs mit Frauen in der Gesellschaft und angesichts des Vorschlages für eine neue Verfassung in Bezug auf die Frau.
Und wenn jetzt nicht entschieden gegengesteuert wird, werden noch mehr Touristen wegbleiben, wird noch weniger Geld ins Land kommen, werden die Menschen noch ärmer. Und hungriger...
Und dann wird es sein, wie es immer ist, wenn innenpoltische Probleme überhand nehmen:
Die Schuld wird, wie das überall in der Welt üblich ist, im Ausland gesucht.
Und wenn kein Ausland greifbar ist, dann bei Ausländern im Land.
Oder bei Menschen die ausländisch aussehen.
Oder bei Menschen die einen anderen Glauben haben.
Oder so aussehen, als ob sie einen anderen Glauben haben könnten.
Ich sehe zur Zeit schwarz.
Just my two cents....
Verfasst: Sa 06 Okt, 2012 09:43
von Daniel Jackson
Hallo Klaus,
ich finde es eine ganz hervorragende Idee, hier ein solches Thema aufzumachen. "Meine Meinung" ist genau der Titel, den dieses Forum im Moment braucht. An viel zu vielen Stellen werden persönliche Eindrücke und ja, vor allem Meinungen beschrieben und es entbrennt der Streit darüber, wer die Wahrheit mit Löffeln gefressen hat. Dann geht es darum, wer uninformiert ist und der alles schlecht redet oder die rosarote Brille absetzen sollte. Dabei wird leider viel zu oft vergessen, dass es sich um Meinungen handelt und niemand die Wahrheit für sich pachten kann. Deshalb danke für diese exzellente Überschrift!
Gern schließe ich mich dir an und schildere mal meine Meinung. Auch ich sehe erhebliche Schwierigkeiten und Probleme, die mir große Sorgen bereiten. Du hast ja beispielhaft den Umgang mit Frauen genannt. Das ist in meinen Augen ein berechtigter Punkt, wenn auch eine sehr europäische Auswahl, ihn als so zentral darzustellen. Es gibt noch ganz andere Probleme, die man nennen könnte: Armut und Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, marode Infrastruktur, katastrophales Gesundheitssystem, ein Bildungssystem, welches einer Generalüberholung bedarf. Die ganze Problematik rund um den nicht sehr ausgeprägten Rechtsstaat incl. Polizeiproblem. Die mangelnde demokratische Gesinnung mancher PolitikerInnen. Die nicht ideale - oder: teils miese - Sicherheitslage. Usw und so fort. Das alles soll dein Beispiel Frauen (und Grundrechte) nicht abwerten, es soll nur weitere gravierende Themen exemplarisch aufzeigen. Das Land liegt in vielerlei Hinsicht am Boden und hat wirtschaftlich, gesellschaftlich, moralisch usw. einen Tiefpunkt zumindest noch nicht verlassen.
Allerdings möchte ich gern einmal sehr bewusst die komplette Gegenposition beziehen und dir schildern, warum ich vorsichtig optimistisch bin.
Zunächst einmal bin ich überzeugt, dass jetzt erst viele Themen und Probleme auf den Tisch kommen, die schon lange da sind. Wir brauchen ja nicht glauben, dass plötzlich viele Menschen ihre "religiöse" Radikalität entdecken. Oder plötzlich von Frauenrechten nichts halten. Oder plötzlich alle ihre Meinung zu Touristen und Ausländern um 180 Grad ändern. Es handelt sich meiner Meinung nach um Phänomene, die seit Jahren schwelen, aber unter dem Mantel des verordneten Schweigens nicht ernsthaft thematisiert wurden. Damit hat man hingenommen, dass sie sich dort umso besser festsetzen und ausbreiten konnten. Die Negierung eines Problems hat es noch selten kleiner gemacht, sondern oft erst eine entsprechende Ausbreitung ermöglicht (vgl. Neonazis in Deutschland). Ja, in einigen Bereichen hat sich die Lage im Land verschlechtert (z.B. Sicherheit, Tourismusbranche), in anderen treten dagegen nur die schon erwähnten Dinge ans Licht (z.B. "Religiösität", der Bart wächst jetzt sichtbar). Das öffentliche Bild ist vielleicht ehrlicher geworden und bildet im Gegensatz zu früher mehr ab, was viele Menschen denken. Das sollte man auch so einschätzen und nicht plötzlich ganz viele dramatisch neue Probleme und negativ-Entwicklungen sehen.
Nach meiner Wahrnehmung hat sich seit der Revolution sehr viel verändert in den Menschen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man über Themen nachdenkt und spricht, die früher kein Thema waren. Die Medien schreiben etwas freier, trauen sich mehr. Menschen treten in Parteien ein und organisieren sich in unabhängigen Gewerkschaften. Wichtige Themen sind gesellschaftlich umstritten: Welche Rolle soll die Religion in der Verfassung und im Verhältnis zum Staat spielen? Welche Rechte haben Frauen? Wie steht es um die Polizei? Wie umgehen mit dem Sinai-Problem? Es gibt Streiks und Demonstrationen für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Dorf im Delta (und eins bei Assiut) rufen zu zivilem Ungehorsam auf und erklären ihre Unabhängigkeit vom jeweiligen Gouvernement, weil sie ihre Vernachlässigung nicht weiter akzeptieren wollen. Die Ärzte streiken gerade, weil sie einen größeren Teil des Staatshaushaltes in das Gesundheitswesen investiert sehen wollen (und damit die Versorgung der Menschen verbessert). Figuren des alten Regimes landen vor Gericht, Bereicherung wird nicht mehr hingenommen und strafrechtlich verfolgt. Auch gegen die Regierenden werden entsprechende Anzeigen erstattet - das zeugt von einem neuen Selbstbewusstsein der Menschen. Und Ägypten gewinnt international an Ansehen und Gewicht. Präsident Mursi hat mit seinen Reden in Teheran und vor der UN-Vollversammlung klare Marken gesetzt und beeindruckt. Hier meldet sich jemand auf dem internationalen Parkett als eigenständiger Player zurück, das kann nur der Bedeutung zuträglich sein.
Auch auf anderer Ebene tut sich etwas: die liberalen Parteien und die Linken beschäftigen sich damit, wie sie ihre Zersplitterung im Hinblick auf die nächste Parlamentswahl beseitigen können, um eine schlagkräftige Gegenfraktion zu Moslembrüdern und Salafisten aufbauen zu können. Die Salafisten lernen gerade ihre Lektion, dass ihre Vorstellungen und das politische Leben nur begrenzt zusammenpassen - die erheblichen internen Zerwürfnisse zwischen Hardliner-Hardlinern und die pragmatischeren Hardlinern sprechen eine deutliche Sprache. Und die Moslembrüder werden gerade entzaubert, denn sie regieren, können aber nicht alle Probleme sofort lösen. Der Heilsbringerstatus ist weg, jetzt kommt die Zeit, in der sich verschiedene politische Konzepte bewähren müssen. Der politische Prozess ist also in vollem Gange und alle durchlaufen einen Lernprozess.
Ich könnte die Liste fortsetzen. Meiner Meinung nach erleben wir eine höchst spannende Phase des Aufbruchs. Hier hat ein Land die Chance, vermutlich zum ersten Mal in seiner mehrtausendjährigen Geschichte einen demokratischen Rechtsstaat auf die Beine zu stellen. Die Altlasten jahrzehntelanger Fremdbestimmung mit anschließender Militärherrschaft (es fing ja nicht mit Mubarak an) sind erdrückend und es wird viele Jahre in Anspruch nehmen, diese nach und nach abzubauen. Menschen durchlaufen gemeinsam einen Lernprozess, nicht alle kommen dabei mit. Fortschritte wird es in kleinen Schritten geben, Rückschläge sind zu erwarten und geradezu zwingend notwendig. Nicht alle werden profitieren und deshalb werden auch nicht alle in Richtung Demokratie in See stechen wollen. Der schwierige Balanceakt wird sein, diese Menschen einzubinden und für die neue Zeit zu gewinnen.
Aber die Chance ist da und das vermutlich zum ersten Mal. Wenn ich mir die abenteuerlichen technischen Konstruktionen anschaue, die die Ägypter so basteln und die zu meiner Überraschung meist doch immer noch irgendwie ihren Dienst tun, dann bin ich optimistisch was die Lage angeht. Auch gesellschaftlich wird es mit irgendeiner vermurksten Konstruktion gelingen, alles am Laufen zu halten und in die Zukunft zu starten. Entgegen den zahlreichen Unkenrufen steht ja auch noch der Friedensvertrag mit Israel und der Nahe Osten brennt noch nicht im totalen Krieg. Wir sollten wachsam hinschauen und nicht naiv oder blauäugig sein. Aber etwas mehr Vertrauen in die Menschen am Nil und ihre Fähigkeiten wäre meiner Meinung nach angebracht. Warten wir einmal zehn Jahre ab und freuen uns dann, dass wir alle positiv überrascht wurden.
PS: Und ein Stück Gelassenheit könnten sich auch die vielen Badeurlauber und Nilkreuzfahrer abschneiden, die derzeit zu Hause bleiben, weil ihnen die Lage nicht geheuer ist. Was soll ihnen in ihrer abgeschirmten Kunstwelt schon passieren? Ich rate ja niemandem, mit israelischer Flagge durch Mittelägypten zu wandern und dabei Loblieder auf die USA zu singen. Aber das undifferenzierte Panik-Bild, was hier Menschen vom Urlaub am Roten Meer oder auf dem Nil abschreckt, das ist nun wirklich nur noch absurd.
Verfasst: So 07 Okt, 2012 00:49
von Osiris
Daniel Jackson hat geschrieben:Wenn ich mir die abenteuerlichen technischen Konstruktionen anschaue, die die Ägypter so basteln und die zu meiner Überraschung meist doch immer noch irgendwie ihren Dienst tun, dann bin ich optimistisch was die Lage angeht. Auch gesellschaftlich wird es mit irgendeiner vermurksten Konstruktion gelingen, alles am Laufen zu halten und in die Zukunft zu starten.
Na der Vergleich hat was .... gefällt mir
mfg
osiris
Verfasst: Mo 08 Okt, 2012 20:58
von Daniel Jackson
Na Leute, ich wollte hier etwas provozieren und eure Auffassungen herauskitzeln. Will denn niemand sonst seine Meinung beisteuern? Ich fände das sehr spannend. Denn ich erhebe natürlich keinen Anspruch darauf "richtig zu liegen".
Verfasst: Mo 08 Okt, 2012 22:57
von sualk
Danke für Deine Einschätzung, DJ
Wir liegen gar nicht soweit auseinander.
Höchstens in der Schlußfolgerung.
Du hast sicherlich recht, daß es sich bei den Übergriffen auf Frauen oder den islamistischen Auswüchsen um Phänomene handelt, die seit Jahrzehnten vom Machtapperat unter Kontrolle gehalten wurden und jetzt ihr Ventil suchen. Solche Übergriffe tauchen nicht plötzlich auf, sondern entwicklen sich in langer Zeit.
Das heißt auf der anderen Seite aber, daß die islamische Gesellschaft noch lange nicht in der heutigen Zeit angekommen ist. Ich habe bewusst islamische Gesellschaft geschrieben, da diese Übergriffe in sehr vielen muslimischen Gesellschaften vorkommen. (z.B.Nordafrika, Pakistanis in Großbritannien)
Es gibt also unter dem Teppich schwelende Brandbomben.
Und da kommen die von Dir angesprochen tagespolitischen Probleme (Müllabfuhr, Gasflaschen, Benzin, Gesundheitssystem, öffentliche Infrastruktur) ins Spiel.
Wenn Mursi diese nicht lösen kann, wird er versuchen den Zorn seines Volkes zu kanalisieren und von sich und den Muslimbrüdern ablenken.
Und wenn es soweit kommt, werden die Schuldigen im Ausland gesucht. Oder unter den gerade anwesenden Ausländern.
Ich glaube nicht, daß das in der nächsten Zeit passiert.
(Wenn ich damit rechnen würde, würde ich nicht Sonntag nach Aswan fliegen, sondern würde das Geld für den Urlaub in den Wind schreiben und hierbleiben.)
Ich ahne noch nicht einmal, ob das überhaupt irgendwann passiert.
Aber die Möglichkeit, daß es passieren kann, die ist meines Erachtens gegeben.
Allzuviel Zeit hat Herr Mursi nicht mehr.
Nachdenkliche Grüße
Klaus
Sieben Christen in Ägypten zum Tode verurteilt
Verfasst: Mi 28 Nov, 2012 15:25
von Gast
Sie sollen an dem Schmähfilm "Die Unschuld der Muslime" beteiligt gewesen sein: Ein ägyptisches Gericht in der Hauptstadt Kairo hat sieben Christen in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Ihnen wird Beleidigung des Islam und des Propheten Mohammed vorgeworfen.
mehr bei
spiegel-online
Das ist finsteres, tiefstes Mittelalter. So ein Land will demokratisch werden? Die Salafisten haben die Macht längst übernommen und ihre Gefolgsleute geschickt plaziert. Den Rest erledigt Herr Mursi mit seinen Dekreten, vermutlich mit Wissen und Zustimmung seiner Brüderschaft.
Und eines wird diesmal vermutlich nicht passieren: Das Militär wird in seinen Kasernen bleiben, es sei denn die Polizei wird alleine mit den demonstrierenden Kräften nicht fertig.