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WSAlex
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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:16  Titel:  Spionage: Ich wurde ausgewiesen aus Ägypten  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Hallo Ägyptenfreunde,

Wer eine Reise tut, kann viel erzählen sagt man.

Obwohl ich schon sehr häufig nach Ägypten reiste, habe ich Kairo bisher stiefmütterlich vernachlässigt. Das wollte ich nun in der zweiten Osterwoche nachholen. Ich wollte Kairo kennenlernen. Natürlich sollte auch ein bisschen Abenteuer dabei sein. Dass sich das Abenteuer allerdings in so einer Form entwickeln würde, hätte ich nicht in meinen kühnsten Träumen erwartet.

Ich wurde von der Geheimpolizei wegen Spionage festgenommen, mehrer Stunden vernommen und dann zur Abschiebung in Abschiebehaft verbracht.

Mit dieser Schilderung möchte ich dokumentieren, wie die Festnahme, das Verhör und die weitere Behandlung meiner Person abliefen.

Ich möchte etwas ausholen…

Am Donnerstag, 24.04.2014 stand der Khan al Kalilli Markt und das südliche und nördliche islamische Viertel zur Besichtigung auf dem Programm. Einige Kilometer im Norden befinden sich noch einige Moschen, die mich interessierten. Ich folge der Hauptstrasse und musste auf eine Brücke hoch und auf der anderen Seite wieder herunter. Eine schöne Gelegenheit einige Fotos vom Autoverkehr und den umliegenden Gebäuden zu schießen.


Nördliche Sicht von der Brücke:

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Südliche Sicht von der Brücke:

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Nach dem Abstieg von der Brücke kam ein junger Ägypter in ziviler Kleidung auf mich zu und teilte mir etwas auf Arabisch. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich kein arabisch spreche, redete aber weiter auf mich ein, packte mich dabei am Arm und versuchte mich in eine Richtung zu zerren.

Da ich mich nicht von jedem irgendwo hinschieben lasse, habe ich mich gewehrt und Widerstandgeleistet. Ich hatte vor einigen Tagen schon Erfahrungen mit falschen Polizisten der syrischen Mafia gemacht (davon werde ich noch an anderer Stelle berichten) und war daher besonders vorsichtig.

Erst als unter dem T-Shirt des Zivilisten eine Stimme aus einem Funksprechgerät hörte, wurde mir klar, womit ich es zu tun hatte. In der Zwischenzeit traf ein Polizist in schwarzer Uniform ein und ich lies mich widerstandslos abführen.

Im Büro des Wachleiters wurde mir eröffnet, dass ich die Polizeidienststelle fotografiert hätte, was ich abstritt. Mir wurden Videos gezeigt, auf denen ich zu sehen war, wie ich mit meiner Kamera herumhantierte. Der Wachleiter verlangte in freundlichem Ton die Bilder in der Kamera begutachten zu dürfen, was ich auch gestattete. Die mehrfache Begutachtung der Bilder ergab, dass ich tatsächlich nur das Fotografiert hatte, was ich auch fotografiere durfte.

Der Wachleiter erklärte mir noch, dass ich diese Einrichtung nicht fotografieren dürfe, aber danach die Mosche.

Der Wachleiter entschuldigte sich noch bei mir, bevor er mich entließ und hatte auch Einsehen mit meinem Verhalten, da für mich nicht klar sein konnte, dass es sich beim der Zivilperson um einen Polizisten handeln konnte.

Ich wurde also wieder entlassen. Der ganze Vorgang dauerte etwas 30 Minuten. Meinen Weg zu Mosche setzte ich fort.

Die Mosche, welche ich anschliessend fotografierte:

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Anmeldungsdatum: 02.05.2008
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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:20  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Etwa 300 Meter weiter kamen wieder zwei Polizisten in weißer Uniform auf mich zu. Die Geheimpolizei.
Ein älterer Herr mit drei goldenen Sternen herrschte mich barsch an: Passport.
Ich händigte ihm meinen Reisepass aus.

Come! forderte er mich in gleichem barschen Ton auf und nahm mir meine Kameratasche ab.

Wir gingen zum Wachhäuschen, wo mir vorgeworfen wurde, dass ich Fotos der Polizeieinrichtung gemacht hätte. Ich wies noch daraufhin, dass ich bereits vor einigen Minuten von der Polizei in der gleichen Angelegenheit aufgehalten wurde, was den Polizisten nur noch mehr in Rage brachte.

Show me the pictures! Meinte er kurz und prägnant.

Ich zeigte ihm die Bilder, 30 oder 40 mal. Als er nichts fand durchsuchte er die Tasche, wo er mein Thuraya Satellitentelefon fand. Von diesem Augenblick an spielten die Bilder zunächst nur noch eine sekundäre Rolle. Es wurden mehrere Telefonate. Jedes dritte oder vierte Wort lautete "Thuraya".

Why do you need this?

Ich erklärte betont gelassen, dass ich auf Reisen mein Thuraya immer dabei habe, für den Notfall und um jederzeit mit der Heimat in Verbindung treten zu können.

Danach entdeckten sie mein GPS.

Why do you need this?!

Auch diese Frage versuchte ich plausibel zu erklären.

Es gesellten sich immer mehr Polizisten zu diesem Verhör in dessen Verlauf, neben dem häufig benutzen Wort "Thuraya", auch noch das Wort "Spy" immer mehr Bedeutung gewann.

Es wurde ein handschriftliches Protokoll aufgenommen, für das offensichtlich mehrere Kopien benötigt wurden. Also fing der Wortführer an, das Protokoll mehrfach handschriftlich zu kopieren. Nachdem er in jeder Kopie mehrere Korrekturen machen musste, kam einer auf die Idee, dass man auch eine Fotokopiemaschine benutzen konnte. Also wurde einer ins Büro geschickt, um Kopien zu fertigen. Das schien aber, wie ich später feststellte, von wenig Erfolg gekrönt gewesen zu sein.

Ich wurde im gleichen barschen Ton aufgefordert aufzustehen und mit einigen Polizisten mitzugehen. Ich wurde in einen Kleinbus verfrachtet. Ich wurde keinen Augenblick aus den Augen gelassen. Anscheinend schätzte man mich entsprechend gefährlich ein. Auf dem Weg, wo auch immer man mich hinbrachte, hielten wir zweimal an. Jedes mal nahm ein Polizist das Protokoll mit. Offensichtlich war man auf der Suche in einschlägigen Geschäften nach einer Fotokopiermaschine. Aus dem zweiten Laden konnten die Kopien dann endlich angefertigt werden.

Es ging mit Höchstgeschwindigkeit irgendwohin. Es wurde gehupt und gedrängt. Wenn ein Bürger nicht gleich Platz machte wurde ihm mit Gesten gedroht und er wurde angeschrien. Auch der weitere Verlauf mit dem Kontakt Polizei – ägyptischer Bürger schien mir nicht sehr verhältnismäßig und demokratisch abzugehen.

Wo auch immer wir hinfuhren, der Fahrer schien den Weg nicht zu kennen, da er mehrmals jemanden auf der Straße nach der Richtung fragen musste.

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:20  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Wir fuhren durch enge Gassen mit vielen Menschen. Rücksicht auf sie nahm der Fahrer kaum.

Irgendwann standen wir vor einen Absperrung, die ein Posten kurz entfernte, damit wir passieren konnten.

Ich wurde in ein abgesichertes Gebäude geführt. Rechts in der Empfangshalle hielten wir an der ersten Türe.

Mein Begleitoffizier befahl mir: Stay! Womit er wohl zum Ausdruck bringen wollte, dass ich mich nicht von der Stelle rühren solle. Wohin sollte ich auch gehen?

Der Polizist setzte sein Barett auf, nahm Haltung an, klopfte und betrat nach einer Aufforderung das Zimmer, ohne die Türe zu schließen. Ich wurde hereinbefohlen und mir Platz angeboten. Das Büro war mit alten massiven Möbeln und Teppichen eingerichtet. Aus dem Inventar schloss ich, dass wir es hier wohl mit einem Mitarbeiter eines höheren Dienstranges zu tun hatten.

Er erkundigte sich, was anlag und unterbrach sogleich das Gespräch, um mit seinem Nachmittagsgebet zu beginnen. Nach vollendetem Gebet wendete der zivile Geheimpolizist wieder uns zu. Ich musste wieder mehrmals meine Bilder zeigen und der Fokus lag wieder bei dem Thuraya. Ich musste wieder erklären warum ich es mit mir mitführe. Ebenso das GPS.

Wie oft warst du schon in Ägypten?
Wo warst du?
In welchen Hotels warst du dort?
Hast du Freunde in Ägypten?


Viele Fragen wurden mir gestellt. Warum ich alleine Reise und ohne Auto? Warum ich regelmäßig nach Ägypten komme und ob ich hier arbeite? Welchen Beruf hast du?

Ich werde zurück zum Kleinbus gebracht. Wir fahren auf eine weitere Dienststelle. Mit noch mehr Weißjacken, wie ich sie zwischenzeitlich nenne. Der zivile Geheimpolizist begleitet uns. Als wir auf der nächsten Dienststelle ankommen wird der Ton freundlicher. Man bietet mir Tee an, Wasser und Zigaretten. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob das wirklich reine Freundlichkeit ist, oder ob damit etwas bezweckt wird. Ein älterer Polizist, der abkommandiert wurde und sich lieber mit der Fernbedienung des Fernsehers beschäftigt, mein zu mir im 10 Minuten Rhythmus Welcome in Egypt. Selbst diese stoische wiederholte und antrainierte Höflichkeitsfloskel nervt irgendwann.

Die Fragen wiederholen sich, machen werden in Abwandlung gestellt, manche sind neu.

Wann warst du zum ersten mal in Ägypten? Was hast du da gemacht? Hast du davon auch Bilder? Zum Glück habe ich noch Bilder von meinem letzten Siwa Besuch Bilder auf meiner SD Karte. Na ja, zum Glück würde ich nicht sagen. Auf einem Bild hatte ich ein Maschinengewehr abgelichtet. Das scheint aber niemand zu interessieren. Das war Militär und weit weg von Kairo.

Auf Interesse stoßen aber diese Bilder vom Tahrir Square und von einem alten Häuschen auf das die Buchstaben CC gesprüht wurden. CC steht für Sissi, dem ehemaligen Field Marshall und jetzigem Präsidentschaftskandidaten.

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:21  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Nun werde ich schon knapp vier Stunden verhört. Ich selbst habe keine Uhr aber die arabische BBC Variante blendet die Zeit ein, auch wenn der Polizist mit den Streifen auf den Schultern immer wieder die Kanäle wechselt landet er immer wieder bei BBC, wodurch ich die Zeit recht gut abschätzen kann.

Immer wieder werden Fragen gestellt. Immer wieder muss ich die Fotos präsentieren. An diesem Tag gehen wir geschätzt 70 – 80 mal alle Bilder durch.

Wie viel kostet die Kamera? Wo hast du sie her?
Wie viel kostet das Thuraya? Wo hast du es her?
Wie viel kostet das GPS? Wo hast du es her?


Ich beantworte alle Fragen ruhig und gelassen. Über meine Gelassenheit bin ich selbst überrascht. Ich beantworte aber nur das, wonach explizit gefragt wird und bleibe immer bei der Wahrheit. Ich gebe nur dort freiwillig mehr Informationen, wo ich der Meinung bin, dass sie für mich von Vorteil sind.

Immer wieder gibt es eine Pause von ca. 30 Minuten. Es werden unauffällig Fotos von mir gemacht und die Vernehmung wird ebenso unauffällig gefilmt, was mir aber trotz der Bemühungen es zu verbergen, nicht entgeht.

Immer wieder werden dieselben Fragen gestellt, manchmal anders formuliert, aber der Inhalt ist meistens ähnlich.

Plötzlich zwei Schüsse vor der Tür. Ich rühre mich nicht und ich zucke nicht. Einer der mit den drei Goldsternen meint nur begleitet mit einem süffisanten Lächeln: Don’t be afraid. Everything is ok

Ein Zufall oder wollte man mich mit den Schüssen aus der Fassung bringen?

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:21  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Du weißt schon, dass das Thuraya illegal ist? Wie hast du es ins Land gebracht? Hat man es bei der Einreise nicht bemerkt? Hast du das Thuraya in Ägypten gekauft?

Natürlich weiß ich nicht, dass der Besitz eines Satellitentelefons in Ägypten illegal ist.

We can arrest you for this

Ich versuche keine Reaktion auf diese Bemerkung zu zeigen. Ich rechne mit dem Schlimmsten, dann kann es nur besser werden.

Wieder werden mir Zigaretten angeboten: Cleopatra, Marlboro…

Nach knapp sechs Stunden Verhör fragt einer der Polizisten: Are you hungry?

Diese Frage gefällt mir nicht. Könnte es doch ein Zeichen dafür sein, dass die ganze Prozedur noch länger dauern könnte.

Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Der Geheimdiensttyp betritt den Raum.

Show me the pictures

Und wieder gehen wir mehrmals Bild für Bild der beiden SD Karten durch.

Where did you take this picture, and this, go back, where did you make this one?

Jetzt wird meine gesamte Ausrüstung komplett zerlegt. Jede Batterie, jeder Akku, x-mal muss ich das GPS vorführen und erst recht das Thuraya.

Die Kamera gibt ihren Geist auf. Der Akku ist leer.

The charger. Give me the charger

Ich habe keinen. Die Minen verfinstern sich. Aber ich habe noch einen Akku. Die Gesichter werden wieder freundlicher. Irgendwann sehe ich, wie einer der jüngeren Polizisten einige Knöpfe an der Kamera drückt. Ich sehe wie ein Balken über das Display läuft: Formatting in Progress. Dann legt er die zweite SD Karte ein. Same procedure.

I am sorry, we just deleted the pictures. Does the camera have an internal memory?

Nein, hat sich nicht. Wenn es nur das ist. Meine Gedanken beschäftigen sich gerade mit meiner unmittelbaren Zukunft.

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:21  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Irgendwann löst sich die Hektik auf. Einer Packt die ganze Ausrüstung unprofessionell zusammen. Es wird aber penibel darauf geachtet, dass nicht beschädigt wird oder verloren geht.

Dann wendet sich der Geheimdiensttyp an mich.

Your problem is the Thuraya and the pictures. I was able to convince my superiors to send you back to Germany. We will bring you to the airport

Ich frage noch, ob ich am Flughafen dann zwei Tage verbringen müsse, da meine geplante abreise erst einige Tage später wäre.

Nein, du verlässt das Land noch heute! Wir begleiten dich zum Hotel, wo du deine Sachen packen kannst. Dann bringen wir dich zum Airport

Der Aufbruch geht schnell. Ich werde von zwei Geheimpolizisten unter den Armen genommen und in Richtung Fahrzeug gebracht. Zwei Polizisten, ein Geheimdienstler und ich. Ein weiterer Geheimdienstler folgt uns mit einem weiteren Fahrzeug, meinem Pass und dem Protokoll.

Ich dachte, die kairoer Taxifahrer haben einen höllischen Fahrstil drauf. Die Polizei setzt noch ganz andere Maßstäbe. Aus einer zweispurigen Strasse eröffnen sie noch eine dritte Spur indem sie sich in die zwei Spuren drängeln. Zunächst geht es durch die engen Märkte. Dann zum Tahrir Square, an dem sich mein Hotel befindet. Das Hotel hat nur einen kleinen Aufzug. In ihn passen ich, der Geheimdienstler mit dem höheren Rang und ein Polizist. Die anderen müssen die Treppen in die achte Etage nehmen. Der Aufzug schießt über die achte Etage knapp hinaus und bleibt zwischen der achten und der neunten hängen. Alles Knöpfedrücken hilft nichts. Mir fällt auf, dass sich die eine der beiden Holzklapptüren leicht geöffnet hatte. Der fehlende Kontakt lässt den Aufzug stocken. Ich schliesse die Türe und drücke den Knopf zur achten. Der Portier und einige andere schauen ganz verdutzt, als ich mit der Staatsmacht anrücke. Der Rucksack ist schnell gepackt. Zwischenzeitlich sind auch die anderen Polizisten eingetroffen. Konditionstraining scheint bei den Polizisten nicht auf dem Programm zu stehen. Sie keuchen wie Riesenschildkröten nach der Eiablage.

Das Fußvolk nimmt wieder das Treppenhaus. Treppab geht es leichter. Der Rest nimmt wieder den Aufzug.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass meine Begleiter jetzt Bedenken haben, dass ich das Weite suchen könnte. Sie passen jetzt wesentlich besser auf. Sie halten mich in der Mitte und schubsen mich schon mal nach links oder rechts, um mir die richtige Richtung zu geben.

Rein ins Auto. Die Kindersicherung wird aktiviert. Weiter geht es durch das Verkehrschaos. Mein Nebenmann bietet mir wieder eine Zigarette an.

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:22  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Jeder Taxifahrer oder sonstige Verkehrsteilnehmer, der nicht sofort Platz macht wird angeschrien, angehupt oder es wird mit Gesten deutlich gemacht, was man von dem Staatsbürger hält.

Irgendwann halten wir dann an einer Strasse. Hektisch steigen wir aus dem Wagen aus und wechseln in einen zweiten, der bereits in zweiter Reihe bereit steht. Der erste Wagen wird am Strassenrand abgestellt. Eine Vorsichtsmassnahme? Für oder gegen wen? Eventuelle Verfolger? Meine "Komplizen", die uns folgen könnten, oder besteht die Notwendigkeit des Fahrzeugwechsels aus Gründen der Eigensicherung? Man liest in letzter Zeit häufig, dass Anschläge gegen Sicherheitskräfte unternommen werden. Gerade heute wurde das Fahrzeug eines Generals in die Luft gesprengt.

Einige Kilometer vor dem Flughafen halten wir wieder an. Der Beifahrer nimmt auf dem Rücksitz platz und der Geheimdienstpolizist auf dem Beifahrersitz. Das zweite Fahrzeug bleibt zurück.

Mein ursprünglicher Flug war bei der Lufthansa gebucht. Der Mann vom Geheimdienst sagte mir, dass sie die Deutsche Botschaft wegen der Abschiebung kontaktiert hätten, um das Prozedere mit dem Flug zu klären. Die Botschaft meinte nur, ich hätte ja schon ein Ticket, dann sei das kein Fall für sie. Von der Botschaft höre ich nichts. Keine Betreuung, keine Kontaktaufnahme. Ich glaube fast, dass der ganze Ablauf ohne die besser vonstatten ging. Alles ging schnell und reibungslos. Wozu einen Botschafter bemühen.

Der Geheimdienst veranlasst, dass mein Ticket für den nächst möglichen Flug umgebucht wird.

Terminal 1 oder 2? Die Strasse gabelt sich. Der Wagen hält an. Der Fahrer bemüht sein Mobiltelefon, um herauszufinden, in welche Richtung wir müssen. Rechts, ok, dann biegen wir rechts ab.

Wir kommen am Flughafengebäude an. Alle steigen aus. Zuletzt wird meine Türe geöffnet. Ich packe meinen Rucksack und meine Fototasche, die ich wieder ausgehändigt bekomme.

Meine Begleiter werden anscheinend immer nervöser. Obwohl ich absolut kooperativ bin, versuchen sie jede Möglichkeit des Entkommens im Keim zu ersticken.

Wir betreten das Flughafengebäude und warten. Es sieht so aus, als würde sich die Kontaktperson verspäten. Alle greifen gleichzeitig zum Mobiltelefon und plötzlich trifft der Kontakt ein. Wir umgehen die Security, kein Check In, kein Ausfüllen irgendwelcher Ausreisekarten. Das war die schnellste Fast Lane, die ich bisher hatte. Schneller geht es nicht.

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:22  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Im Büro werde ich weitergereicht. Ich darf nochmals meine Fototasche mit Inhalt auspacken. Alles wird registriert. Dann werde ich einem Korridor entlang gebeten. Der Polizist öffnet eine Türe.

Go In

Hinter mir fällt die Türe ins Schloss. Abschiebehaft!

Salem aleikum tönt es aus 28 Mündern. Ich erwidere den Gruß ebenfalls auf Arabisch.

Ich befinde mich in einem ca. 9 x 8 großen Raum mit zwei vergitterten Fenstern. Die Fenster stehen offen und das ist auch notwendig, denn fast jeder zieht an einer Zigarette. Sechs Stockbetten und einige Stühle und Bänke und einen Tisch, einen Gebetsteppich und einigen Decken. Das ist also das berühmte „Deportation Room“

Ich teile diesen Raum mit Somalis, Algerien, zwei aus Nairobi, Äthiopiern, Libanesen, Libyern. Fast der gesamte Nahe Osten und Afrika ist hier vertreten. Die meisten Warten auf ihre Abschiebung, weil sie kein Visum haben, oder das Visum nicht gültig ist.

Ich nehme neben einem Algerier platz, der eigentlich mehr Ähnlichkeit mit einem Rauschgiftboss des Medellín-Kartells hat.

Immer wieder kommen einige dazu. Der Raum füllt sich. Der Boden ist dreckig. Zigarettenkippen, Papier, Teile von Zigarettenschachteln.

Ein Marokkaner gibt mir zwei Fladenbrote und presst darauf etwas Fetakäse aus einem Tetrapack. Das erste Feste, was ich heute zwischen die Zähne bekomme. Die Abreise bei der Geheimpolizei gestaltete sich so plötzlich, dass mir das versprochene Abendessen nicht mehr vergönnt war.

Jeder, der etwas hat, teilt es mit einem anderen. Wasser, Brot, Zigaretten. Ich bekomme noch etwas Süßes zugesteckt, das wie poröser türkischer Honig aussieht und auch so schmeckt.

Bei einigen liegen die Nerven blank. Sie klopfen immer wieder an die Metalltüre, damit ein Officer öffnet, um sich nach ihrem Flug zu erkundigen. Oft verliert der Officer die Haltung und schreit nur noch. Im Schreien sind die Polizisten groß. Der Umgang mit Menschen scheint nicht zu ihrer Ausbildung zu gehören.

Etwa alle drei Stunden kommt eine Reinigungskraft in den Raum und kehrt die Kippen auf und was sonst noch so alles auf dem Boden liegt. Kniet einer auf dem Boden, weil er gerade nach Mekka betet, wird einfach um ihn herumgekehrt.

Wenn du eine kooperative Reinigungskraft erwischt, dann besorgt er dir auch etwas zu Essen oder zu Trinken oder auch Zigaretten. Man steckt im ein paar Scheine zu und er macht die Erledigungen. Eine halbe Stunde später ist er wieder zurück mit den Bestellungen.

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:22  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Äthiopia, Nairobi …

Wenn der Officer die Türe öffnet ruft er keine Namen. Er hat die Pässe derjenigen in der Hand, die an der Reihe sind. Er ruft das Land oder die Stadt, aus dem sie kommen. Dann steigen die Hoffnungen. Oft werden sie enttäuscht, da nur Formalien geklärt werden müssen. Es werden einige Male Länder oder Städte aufgerufen, bis einer den Weg ins Flugzeug antreten an.

Einer der Abschiebehäftlinge versucht es allen recht machen zu wollen. Schlafende bedeckt er mit einer Decke, die nichts zu essen haben, versucht er etwas zu Essen zu besorgen. Auch wenn derjenige nichts möchte. Das nervt einen. Es kommt zu lauten Diskussionen, fast zu Handgreiflichkeiten die nur dadurch verhindert werden, dass einer dazwischen geht. Nicht alle besitzen das stählerne Nervenkostüm, das für so eine Situation notwendig ist.

Im Großen und Ganzen herrscht aber Friede und Eintracht. Ich möchte fast sagen, eine gewisse Kameradschaft. Obwohl ich einer von ihnen bin sprechen mich einige mit Sir an. Der Almani inmitten von Menschen aus exotischen Ländern.

Auch wenn der Raum immer wieder gereinigt wird, nehmen Körper und Kleidung einen unangenehmen Geruch an. Der Schweiß vermischt mit dem Rauch der Zigaretten. Ich fühle mich, als hätte ich seit Tagen nicht geduscht. Es gibt ausreichend Toiletten, aber die Sauberkeit ist nicht die eines Hiltons. Ganz im Gegenteil. Ich vermeide den Gebrauch so gut es geht.

Gegen 19:30 Uhr wurde ich in diesen Raum verfrachtet. Einige schlafen lautstark. Andere versuchen das Schlafgeräusch durch laute Diskussionen zu übertönen. An schlaf denke ich nicht. Ich denke, dass es auch an dem hohen Anteil von Adrenalin im Blut liegt, der mich keinen Schlaf finden lässt.

Gegen 01:00 Uhr öffnet sich die Türe. Dieses mal ruft der Officer kein Land oder Stadt. Er deutet nur auf mich und winkt mich mit einer Handbewegung zu sich.

Your flight is at four

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Die erste gute Nachricht. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie lang so eine Abschiebehaft dauern kann. Trotzdem vergehen die Sekunden immer noch wie Minuten und die Minuten wie Stunden.

Ich nehme noch einen Schluck Wasser aus meiner schon fast leeren Flasche. Mein Nachbar bietet mir eine Zigarette an…

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:23  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Im Minutentakt schaue ich auf die Uhr meines Nachbarn. Ich weiß, dass die Flüge hier am Flughafen eine Stunde vor Abflug closen. Es ist aber bereits schon 02:50 Uhr.

Um 03:30 Uhr öffnet sich die Türe. Der Officer tritt in den Raum und winkt mich wieder zu sich. Das ist das Zeichen. Das Zeichen, dass in die Freiheit führt. Ich greife meinen Rucksack, wende mich an die Anderen: Salem aleikum. Take care. Wie aus einem Chor schallt es zurück.

Ich überschreite die Schwelle zwischen Gefangenschaft und Freiheit. Der Officer fordert mich auf, den Inhalt meiner Fototasche zu überprüfen. Alles vollständig. Mit einer Frau, die offensichtlich im weiblichen Abschiebeabteil saß, werden wir zum Gate bebracht.

Wir stehen in keiner Schlange und müssen warten. Unser Officer begleitet uns und lotst uns durch die Menschenmassen, bis wir an erster Stelle stehen.

Boarding. Ich bin der erste, der in Richtung Flugzeug marschiert. Keine Gold Card oder Business Class ist vor mir. Ich bin der Erste.

Ich kann es kaum erwarten, bis die Motoren der Lufthansamaschine starten. Ein sicheres Zeichen, dass es bald zurück in die Heimat ist. Sicher bin ich mir noch nicht. Ich fühle mich erst befreit, wenn wir den ägyptischen Luftraum verlassen haben.

So wie es derzeit aussieht, gibt es kein Zurück in mein Lieblingsreiseland Ägypten. Ich wurde quasi zur persona non grata erklärt. Bin ich jetzt ein Staatsfeind Ägyptens, ein Spion? Ich denke nicht, auch wenn es andere so sehen. Im Gegenteil. Ich denke, dass ich in meinem Forum viel dafür tue, um Ägypten zu unterstützen. Aber das zählt hier nicht.

Vielleicht gibt es eines Tages wieder die Möglichkeit. Ich weiß es aber nicht. Ich stehe jetzt auf einer Liste zusammen mit Verbrechern, Spionen, Terroristen, Staatsfeinden und Regierungskritikern. Irgendwie schmerzt das.

Good bye Egypt!

Viele Grüsse
Alexander

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 10:23  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Noch eine Anmerkung, die ich in meinen obigen Ausführungen vergessen haben.

Während meinem Verhör betrat ein weiterer zwei Sternegoldträger den Raum, setzte sich in einen Sessel und steckte sich eine Zigarette an. Zu mir gewandt meinte der etwa 30jährige:

Almani?

Yes

Hitler great man. Hitler strong. Hitler not crazy. Hitler very strong. Hitler good.

Einer seiner Kollegen stimmte ihm sogleich zu.

Yes, Hitler very strong. Like Sisi.

Ich glaube, dieses Verhalten ist symptomatisch für diese Polizeitruppe und zeigt, wie weit weg sich Ägypten von einer Demokratie befindet. Solange Sicherheitsbehörden auf diese Art und Weise mit ihrem Volk umgehen und Hitler immer noch das non plus ultra darstellt und diese Ideologie mit Sisi gleich gestellt wird sehe ich tiefschwarz für die ägyptische Demokratie, die ich nicht mal im Ansatz erkennen kann.

Grüsse
Alexander

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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 13:29  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

salam WSAlex

schockierend und zu gleich auch spannender bericht von dir.
na ja bericht ist vielleicht das falsche wort, denn du hast dein erlebnis so super beschreiben, dass man beim lesen ein stück weit dabei war.

wie ich das lese war ja der stein des anstoßes das sat-telefon .... ist es denn nun wirklich verboten oder war das nur die aussage der einen person ???

wenn sat-telefone wirklich verboten währen ... was machen dann die ganzen leute die eben durch die wüste touren (so wie du eben eigentlich auch) oder die leute die auch touren durch die wüste anbieten z.b.

ma salama

... isis ...

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WSAlex
Reisender


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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 13:38  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

salam Isis

der Stein des Anstoßes war in der Tat das Sat Phone- Mir wurde gesagt, dass es für Touristen illegal sei, ein Satellitentelefon einzuführen und es dann sogar auch noch zu benutzen. Es gibt dafür kein offizielles Statement, weder von dem deutschen Auswärtigen Amt noch von ägyptischer Seite. Mir wurde auch mitgeteilt, dass nur "local" Guides Sat Phones benutzen dürfen, keine Ausländer.

Ich vermute, dass die ägyptischen Sicherheitsbehörden zunehmend in einen Paranojazustand verfallen. Anders kann ich mir die Reaktion nicht vorstellen.

Viele Grüsse
Alexander

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The one who follows the crowd will usually go no further than the crowd. Those who walk alone are likely to find themselves in places no one has ever been before.
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Nefer-Nefer
Kurzurlauber


Alter: 69
Anmeldungsdatum: 05.02.2011
Beiträge: 76
Wohnort: Neu Wulmstorf
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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 15:59  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Hallo WSAlex ,

danke für den äußerst interessanten Bericht, den ich mit Spannung gelesen habe. Sowohl ich als auch einige meiner Bekannten haben noch nie etwas davon gehört, dass es Touristen in Ägypten verboten ist, ein Sat-Telefon zu besitzen. Evtl. sollte das Auswärtige Amt oder auch die Reiseveranstalter (speziell die, welche Wüstentouren anbieten) eine diesbezügliche Information auf ihre HP setzen, damit andere Reisende nicht in die gleiche missliche Lage wie du geraten.

Grüße
Nefer


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NICO
Moderator


Alter: 47
Anmeldungsdatum: 09.04.2005
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BeitragVerfasst: Sa 26 Apr, 2014 18:33  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Selam WSALEx

Meine Güte , daß liest sich wie ein Krimi.......... Shocked

Schlimm was dir da passiert ist, aber es ja einigermaßen gut ausgegangen. Hätte ja noch Schlimmer kommen können......

Und nun darfst Du nicht mehr einreisen ?? Rolling Eyes

Gruss Nico

_________________
نيكو

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